Was die Hannoversche
Land- und Forstwirtschaftliche Zeitung
in ihrer Ausgabe vom
16.Januar 2003
über Lenthe schrieb:







Winter auf dem Untergut Lenthe


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Lenthe: Ein weltbedeutender Ort
 

Das große Haus, „Castrum“ eines Calenberger Ritterguts, ist ein hübsches aber selbst auf den zweiten Blick nicht sonderlich spektakuläres Bauwerk. Gewiss, dies ist historischer Boden, und das Castrum mag auf den Grundmauern einer mittelalterlichen Wasserburg stehen. Doch die eigentliche, die tatsächlich weltbedeutende Qualität des Orts wird erst sichtbar, wenn der Besucher sich dem kleinen Denkmal an der Einfahrt nähert. Der Mann, dessen hier in Lenthe bei Hannover gedacht wird, wurde 1816 hier geboren - er hat mit seinen Erfindungen und einer geradezu titanischen Kraft als Unternehmer die Welt verändert. Sein Name: Werner von Siemens.

Werners Vater war Landwirt. Er hatte das Rittergut von der alteingesessenen Familie von Lenthe gepachtet. Der Name des Orts wurde bereits 1055 urkundlich erwähnt, ein Ritter Olricus de Lenthe taucht dann zum ersten Mal 1225 oder 1226 als Gefolgsmann des Mindener Bischofs auf. Aus dem Jahr 1304 datiert die Belehnung durch den Bischof. Dass die Familie - sie hatte zunächst vier Höfe als Lehen zu eigen - zeitweise eine bedeutende Rolle gespielt haben muss, darauf deutet die Tatsache hin, dass der Bischof persönlich ins kleine Lenthe kam, um 1394 die den „10 000 Rittern“ geweihte Kapelle zu weihen.

Die Lenther Kirche "Zu den Zentausend Rittern" :
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Kabinettsminister von Lenthe
1588 wurde der Besitz geteilt. Aus dem „Burghof“- wurde das „Obergut“, aus dem „Treckhof“ das „Untergut“ (seit 1988 haben sich beide Güter wie zu einer Bewirtschaftungsgemeinschaft zusammengeschlossen).
Dass hier, vor den Toren der Residenz, ein aussergewöhnlich frischer Wind wehte, zeigte sich in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts: Da wurde ein Vollmeierhof aus dem Meierverband des Guts gelöst - eine praktische Vorahnung der bäuerlichen Ablösung herrschaftlicher Rechte im 19. Jahrhundert. Wobei die Ablöseordnung von dem hannoverschen Staats- und Kabinettsminister Ernst Ludwig Julius von Lenthe (1744 - 1814) verfasst worden war. Von dem Minister hatte Christian Ferdinand Siemens das Obergut gepachtet. Der Landwirt hatte zehn Kinder - und als beide Eltern früh starben, drohte das die Hinterbliebenen ins Elend zu stürzen.

Ernst Werner, der älteste der Brüder Siemens, hatte zu dieser Zeit bereits eine Karriere im preußischen Militärdienst gemacht. Als Artillerist war er naturwissenschaftlich geprägt - und schon 1842, im Alter vom 26 Jahren meldete er in Berlin sein erstes Patent auf galvanische Versilberung und Vergoldung an. Der Tod der Eltern zwang ihn dazu, nach Wegen zu suchen, seine Erfindung zu Geld zu machen. Er schickte seinen Bruder Wilhelm nach England, der dort mit dieser und vielen weiteren Erfindungen der beiden ein eigenes Firmenimperium aufbaute und 1883 als „Sir William Siemens“ geadelt wurde.

Zahlreiche Erfindungen
Werner blieb noch einige Jahre bei der Artillerie, nahm aber schon an den Sitzungen („Verhandlungen“) der Polytechnischen und Physikalischen Gesellschaft teil. Und setzte sein überaus fruchtbares Erfinderleben fort. 1845 präsentierte er einen neuen Sprengstoff. 1846 einen Zeigertelegrafen.
1847 das mit Guttapercha (eine Kautschuk-artige Gummimasse aus tropischem Baumsaft) umhülltes Erdkabel, für dessen Herstellung er kurz darauf die passende Technologie schuf. Nachdem er noch eben elektrisch zündbare Seeminen erfunden und eine in Militärkreisen berühmte Küstenbatterie im Eckernförder Hafen angelegt hatte, nahm er 1849 seinen Abschied und gründete mit dem Mechaniker Halske seine eigene Firma.

Telegrafenleitungen im ganzen Reich, erste Unterseekabel, Telegrafenleitungen im Zarenreich (wofür Bruder Karl 1895 in den erblichen Adelsstand erhoben wurde), ein Tiefseekabel von Bologna nach Sardinien - all das hätte gewiss ausgereicht, Werner und seinen Brüdern einen Platz im Erfinder-Olymp des 19. Jahrhunderts zu sichern.

Oberhaupt eines Riesenunternehmens
Doch 1856 stellte er den Dynamo vor - und damit befreite sich die Anwendung des elektrischen Stroms mit einem Schlag von den teuren und wenig leistungsfähigen Batterien. Es war der Beginn der Starkstromtechnik. Erst jetzt war das Tor aufgestoßen zur Elektrifizierung der Welt.
Während Siemens‘sche Kabel die Weltteile einander näher brachten (auch der jüngste Bruder, Dr. Otto Siemens, war in den Kabelkonzern eingebunden) stellte Werner 1879 die erste funktionierende elektrische Lokomotive, ein Jahr später den elektrischen Aufzug vor, 1881 fuhr die erste Tram elektrisch durch Berlin-Lichterfelde.
Als Oberhaupt eines riesigen Unternehmensverbands, der die Welt verändert hatte, zog Werner von Siemens sich, 1888 vom Kaiser geadelt, 1890 aus dem Tagesgeschäft zurück. Er starb 1892 in Berlin.